Sonntag, 6. März 2016

[Rezension] „Rosaleens Fest“ – Anne Enright

Im englisch-sprachigen Raum ist der Roman „The Green Road“ von Anne Enright bereits mit dem Irish Book Award 2015 ausgezeichnet worden. Inzwischen ist das Buch in der deutschen Übersetzung von Hans-Christian Oeser und unter dem Titel „Rosaleens Fest“ erschienen. Episodisch schildert sie darin aus den verschiedenen Perspektiven einzelner Familienmitglieder eine Geschichte von insgesamt 25 Jahren. Der Vater? Tritt in der Erzählung in den Hintergrund. Die Mutter dominiert das Geschehen, erst recht da auch sie eigentlich eine abwesende Mutter ist, zumindest emotional.



Zwei Töchter und zwei Söhne hat Rosaleen zur Welt gebracht. Mütterliche Nähe, Verständnis und Fürsorge sind jedoch Mangelware im Haushalt der Madigans. Stattdessen erkämpfen sich die Kinder einzeln und auf ihre Weise ihren Weg: Dan, der eigentlich Priester werden wollte, doch dann seine Homosexualität entdeckt und sich für ein ganz anderes Leben entscheidet; Hanna, die als Dienstbotin früh schon für die Tablettenversorgung der Mutter zuständig war und später selbst in einer Sucht hängen bleibt; Emmet, der als Entwicklungshelfer sein Glück versucht, aber mehr und mehr den Kontakt zu den Menschen verliert; und schließlich Constance, die es als einzige schafft, selbst eine „normale“ Familie zu gründen, was auch nicht ohne Krisen vonstatten geht.

Abhängigkeiten und Mangel


Die Abhängigkeiten und die mangelnde Zuwendung von früher, all das findet sich in den Lebensläufen der nächsten Generation erneut. Fast möchte man sie schütteln, als Rosaleen ausgerechnet zum Weihnachtsfest darauf besteht, allein einen Spaziergang zu machen, und dann nicht wiederkehrt. Wieder dreht sich alles um sie. Zuvor verkündete sie ihren Entschluss, das alte Landhaus zu verkaufen, in dem sie sich inzwischen einsam fühle. An wen sich dieser Vorwurf richtet, ist klar: an die Kinder, die selten von sich hören ließen. Rosaleen fühlt sich im Recht, es sie auf diese Weise spüren zu lassen.

Der Roman „Rosaleens Fest“ ist keine leichte Lektüre. Schicht für Schicht deckt Anne Enright die emotionalen Abgründe auf, die unter der Fassade verborgen sind. Wer sich darauf einlassen kann, den erwartet ein facettenreiches Buch über menschliche Beziehungen, vor allem aber über ihre Hindernisse.


   

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