Donnerstag, 21. Mai 2015

[Rezension] „Judas“ – Amos Oz


Es gibt Bücher, die fesseln von der ersten Seite an, überzeugen mit wagemutigen dramatischen Wendungen und einer ordentlichen Prise Spannung. Andere hingegen kommen eher unauffällig daher, schleichen sich nur tröpfchenweise ins Bewusstsein und nehmen einen langsam mit auf eine innere Reise. „Judas“ von Amos Oz ist eher letzterer Kategorie zuzuordnen. Es ist ein Kammerspiel für drei Personen. Der Held, der eigentlich ein Antiheld ist, macht scheinbar keine allzu intensive Wandlung durch. Er lässt die Dinge mit sich geschehen, das ist auch schon alles. Auf den ersten Blick.



Spätestens nach dem ersten Drittel möchte ich Schmuel Asch eigentlich nur noch schütteln. Ich möchte ihn an den Schultern packen und ihn anschreien: Nun komm schon raus aus deiner trüben Opferhaltung, tu was! Schmuel aber lässt sich treiben: „Jeder Tag seines Lebens, so kam ihm vor, war wie ein zermürbendes Hindernisrennen im Kreis, vom Schlaf, aus dem er morgens gerissen wurde, bis zurück unter die warme Winterzudecke.“

Die Welt hinter der Fassade

Das Buch spielt im Jahr 1959. Nachdem ihn seine Verlobte wegen eines anderen verlässt und die Eltern sein Studium nicht mehr bezahlen können, bricht Schmuel auf den letzten Metern seine Ausbildung ab und nimmt stattdessen einen Konversationsjob an. Seine Aufgabe besteht darin, dem alternden und fußkranken Gerschom Wald Gesellschaft zu leisten. „Wenn er humpelte, glich Wald einem verwundeten Insekt oder einem riesigen Nachtfalter, der sich die Flügel angebrannt hat und der jetzt vergeblich versucht, wegzufliegen“, beschreibt Oz den Gastgeber.

Mit Außenstehenden darf Schmuel über seine Arbeit nicht reden. Was in diesem Haus geschieht, soll hinter verschlossenen Türen geschehen. Neben dem verschrobenen und belesenen Alten zählt auch dessen Schwiegertochter Atalja Abrabanel zum Inventar. Ihr Ehemann, sein Sohn, wurde im Krieg auf grausame Art und Weise ermordet. Seitdem steht im Hause Wald die Zeit still.

Verrat und Kreuzigung

Auch Schmuels Ausführungen über seine Abschlussarbeit können daran nichts ändern. In dem wissenschaftlichen Text beschäftigt er sich mit der Sicht der Juden auf Jesus Christus und der Rolle des Judas in der Geschichte rund um den Verrat und die Kreuzigung. Judas sei, so Schmuels These, der einzige gewesen, der seinem Herrn Jesus tatsächlich loyal zur Seite stand.

Durchwirkt werden die Diskussionen um Täterschaft und Verrat mit Lesarten politischer Zusammenhänge im Israel der 1950er-Jahre. Gibt es eine Chance für ein friedliches Zusammenleben der Juden und der Palästinenser? Handelt es sich um Missverständnisse, die mit der Zeit ausgeräumt werden können oder ist es nicht vielmehr so, dass beide Seiten unmissverständlich einen Konflikt leben, der sich nicht so ohne weiteres in Kompromisse wandeln lässt? Fragen, die bis heute nicht an Aktualität verloren haben. Oz gibt beiden Haltungen Raum, löst die Ambivalenz nicht auf.

Überraschender Perspektivwechsel

Spätestens im letzten Drittel nimmt das Buch an Fahrt auf und führt in den abendlichen Gesprächen die Argumentationen zu ihrem vorläufigen Höhepunkt. Etwas überraschend kommt der Perspektivwechsel daher, als der Autor in einem Kapitel plötzlich Judas selbst zu Wort kommen lässt. 

Lethargisch geht Schmuel nach einer hoffnungslosen Affäre und wenigen Monaten der Arbeit wieder seiner Wege. Ob er sein Leben nun endlich gestaltet und die Opferrolle verlässt oder ob er sich weiter treiben lässt, bleibt offen.





    

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