Samstag, 11. April 2015

[Rezension] „Ein Jahr auf dem Land“ – Anna Quindlen


Rebecca Winter ist eine gefeierte Künstlerin. Als Fotografin setzte sie einst Maßstäbe. Ihr Werk „Stillleben mit Brotkrümeln“ erzielte Spitzenpreise. Doch als Jahre später weitere Erfolge ausbleiben, ihre Ehe in die Brüche geht und sich die unbezahlten Rechnungen stapeln, zieht es sie unfreiwillig – und fernab des Glamours – aufs Land. Ein Jahr lang hält sie sich in der Stille und Abgeschiedenheit auf und nutzt die Zeit, vergangene Ereignisse Revue passieren zu lassen. 



Der neueste Roman der amerikanischen Erfolgsautorin Anna Quindlen „Ein Jahr auf dem Land“ entführt in eine Idylle, die sich dem Leser sowie der Protagonistin der Erzählung erst nach und nach erschließt. In fremdmöblierter Umgebung fällt es Rebecca zunächst schwer, sich einzugewöhnen. Ihr Leben betrachtet sie als einen Trümmerhaufen, ihr umjubeltes Werk hält sie für einen Zufallswurf. Erst als sie sich auf die Menschen und Begegnungen in der Einöde einlässt, beginnt sie zu erkennen, dass die Zukunft weit mehr bereit hält als sie sich selbst jemals zugetraut hätte.

Blick für das Wesentliche


Da wäre zum Beispiel der Dachdecker Jim Bates, der Rebecca zur Seite steht, als ein Waschbär den Dachboden des Mietshauses unsicher macht. Oder Sarah, die mit leckerem Gebäck und Heißgetränken für das leibliche Wohl der Dorfbewohner sorgt, viel plappert, aber auch stets ein offenes Ohr anbietet. Sie alle sehen Rebecca durch andere Augen als sie es aus ihrer Ehe und oder durch ihre zickige Agentin gewohnt ist. Sie muss erkennen: Es ist ihre eigene Wahrnehmung, die  sie in ihrem Fortkommen behindert. In der Natur findet Rebecca schließlich ihren Blick für das Wesentliche wieder. Und jede Menge lohnenswerte Motive. 

Die 318 Seiten dieses wundervollen Buches lesen sich wie im Fluge. Mit klugem Charme führt die Autorin durch ihre Erzählung, in deren Mittelpunkt sie eine Frau stellt, die wesentliche Lebensabschnitte bereits hinter sich gelassen hat. Der Sohn ist aus dem Haus, der Ex-Ehemann hat eine Jüngere und eine künstlerische Perspektive ist nicht in Sicht. Doch während die Protagonistin sich zu Beginn des Buches noch von äußeren Faktoren abhängig wähnt, mausert sie sich schließlich zu einer selbstbewussten Künstlerin voller Tatendrang und neuer Pläne. Es macht großen Spaß, dieser Wandlung beizuwohnen.

Kraftvoll und voller Wärme


Nicht zuletzt besticht „Ein Jahr auf dem Land“ aber auch durch Anna Quindlens feinen Humor, der immer wieder zwischen den Zeilen hindurch schimmert wie die ersten Sonnenstrahlen an einem Frühlingstag im dichten Wald. Mein Urteil: Dieser Roman ist kraftvoll und voller Wärme. Unbedingt lesen!


    

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