Mittwoch, 28. Januar 2015

[Rezension] "Psychologie der Nachhaltigkeit" - Marcel Hunecke

Nachhaltiges Handeln ist eine gute Sache, egal ob es um das persönliche Wohlbefinden oder die Umwelt geht. Doch obgleich wohl die meisten Menschen dieser These zustimmen würden, handeln nur wenige danach. Warum das so ist und was eine Gesellschaft bräuchte, um sich als Kollektiv nachhaltig zu verhalten, untersucht Marcel Hunecke in seinem Sachbuch "Psychologie der Nachhaltigkeit - Psychische Ressourcen für Postwachstumsgesellschaften".




Sechs entscheidende Faktoren arbeitet er heraus, die gemeinsam ein stabiles und wertschöpfendes Miteinander möglich machen: Genussfähigkeit, Selbstakzeptanz, Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit, Sinnkonstruktion und Solidarität. Denn - so der Ansatz aus der Positiven Psychologie und der ressourcenorientierten Beratung - Geld und Wirtschaftswachstum allein sind es nicht, die den Menschen dauerhaft zufrieden stimmen. Mal ganz abgesehen von unserem schönen Planeten. Im Folgenden stelle ich die sechs Ressourcen ein wenig genauer vor:

1. Genussfähigkeit


Genussfähigkeit stellt die erste psychische Ressource dar, die Marcel Hunecke herausarbeitet. Und die gibt es in zwei verschiedenen Varianten: die sinnlich-körperliche, aber auch die ästhetisch-intellektuelle Genussfähigkeit. Der Duft einer frisch gemähten Wiese, das Surren der Insekten, die Wärme der Sonnenstrahlen auf der Haut, der vollmundige Geschmack frischer Früchte oder auch das Eintauchen in die Sprache eines guten Romans - es gibt Momente, die wir mit allen Sinnen genießen. Doch allzu oft geht die Sinnlichkeit im Alltag verloren, nehmen wir die Genussquellen, die uns umgeben, nicht mehr wahr. Das sollte sich ändern, meint der Autor. Nicht die Quantität sei hier das Entscheidende, vielmehr spiele die Intensität des Erlebens eine Rolle. Wer sinnlicher lebt, sein Genusszentrum anregt, wird dafür belohnt: mit guten Gefühlen. Und positive Emotionen widerum fördern das allgemeine Wohlbefinden und haben nachweislich auch einen entscheidenden Einfluss auf unser Handeln.

2. Selbstakzeptanz


Als das „Annehmen der eigenen Person mit all ihren positiven und negativen Eigenschaften“ beschreibt Hunecke die zweite Ressource. Auch sie hat mit der Qualität der eigenen Wahrnehmung zu tun: Wer den Fokus auf seine Stärken legt und sich seiner bewusst ist, dem fällt es leichter, die eigenen Schwächen zu akzeptieren und mit ihnen zu leben. Ein gesundes Selbstwertgefühl macht glücklich, vor allem deshalb, weil es uns davor bewahrt, uns ständig mit anderen zu vergleichen. Und wer seinen Wert nicht an Status und Zugehörigkeit misst, der konsumiert auch nicht, um ein bestimmtes Bild zu erfüllen. So einfach ist das. Oder nicht? Naja, meist wohl eher nicht. Sich dem sozialen Druck zu entziehen, kostet schließlich Kraft. Vor allem dann, wenn jemand irrationalen Glaubenssätzen anhaftet, die er in jungen Jahren gelernt hat. "Man darf keine Fehler machen" zum Beispiel. Oder "Man muss" so oder so sein. Wem es gelingt, sich von diesen erlernten Irrtümern zu verabschieden, mithilfe von Achtsamkeit und Sinnkonstruktion zum Beispiel, dem fällt es schließlich auch leichter, Selbstakzeptanz zu lernen.

3. Selbstwirksamkeit


Wer an seine Selbstwirksamkeit glaubt, der ist - auf gut Deutsch - überzeugt davon, dass er die Sache schon wuppen wird. Oder anders ausgedrückt: Dass er einen entscheidenden Einfluss darauf hat, sein Leben erfolgreich zu meistern. In diesem Sinne beschreibt diese Hunecke'sche Ressource einen Aspekt, der noch über das bloße Selbstvertrauen hinaus geht. Was das mit Nachhaltigkeit zu tun hat? Nun, in Hinblick auf unsere Ziele hilft es sicher, ihnen schrittweise näher zu kommen, wenn wir an unseren Erfolg glauben. Dies sagt allerdings noch nichts darüber aus, was dies inhaltlich für Ziele sind. Um diese Ressource für einen nachhaltigen Lebensstil nutzen zu können, braucht es laut Hunecke vor allem eins: Wissensvermittlung auf dem entsprechenden Gebiet. Auch hier kann man unschwer erkennen, dass die Ressourcen zueinander in Beziehung gesetzt und miteinander kombiniert werden sollten.

4. Achtsamkeit


Achtsamkeit, ein Begriff, der mir persönlich in den vergangenen Monaten immer wieder begegnet ist, ist Ressource Nummer vier. Mit Achtsamkeit gemeint ist ein Verhalten, dass sich "absichtsvoll und nicht wertend [...] auf den aktuellen Augenblick" richtet. Wer im Strudel seines (Arbeits-) Alltags ständig in Bewegung ist, richtet seine Aufmerksamkeit meist ausschließlich auf die Außenwelt und das, was um ihn herum passiert, weniger auf die Vorgänge in seinem Inneren. Doch dies verursacht Stress und beeinflusst das subjektive Wohlbefinden. Wer achtsam ist, wird gut für sich Sorge tragen - und damit auch für seine Umgebung. Ein gesteigertes Mitgefühl ist nur eine der Folgen eines achtsamen Umgangs mit sich selbst. Eine Sensibilisierung für Sinnfragen, die eigenen Bedürfnisse und Werte ist eine zweite. Meist sind es, so schreibt der Autor, die weniger selbstbezogenen Werte, die dabei eine Rolle spielen.

5. Sinnkonstruktion


Wobei wir dann an fünfter Stelle auch schon bei der Sinnkosntruktion angekommen wären. Wer in dem, was er tut und was ihn umgibt, eine Bedeutung sieht, verbindet diese in aller Regel mit einem positiven Gefühl. Voraussetzung dafür ist selbstverständlich die Bereitschaft, sich überhaupt erstmal mit der Frage nach dem Sinn auseinander zu setzen und sie zu reflektieren. Werte und Ziele geben unserem Leben eine Richtung. Verbunden mit der Überzeugung unserer eigenen Selbstwirksamkeit führen sie zu einem gesteigerten Wohlbefinden fernab von Beliebigkeit. Das soziale Umfeld und gesellschaftlich relevante Werte wie Gerechtigkeit und Toleranz spielen dabei oft eine entscheidende Rolle. Und schon sind wir wieder bei der Nachhaltigkeit angelangt, denn eng gekoppelt daran ist auch der sorgsame Umgang mit den natürlichen Ressourcen unseres Planeten.

6. Solidarität


Und nicht zuletzt auch der Begriff der Solidarität. Sie steht für die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung. Diese psychische Ressource ist der Schlüssel dafür, das eigene Handeln auch auf das Wohlbefinden anderer auszurichten und nicht allein auf das eigene. Wer kennt es nicht, das gute Gefühl, einer Gruppe anzugehören. Es verleiht uns ein Gefühl von Sicherheit und Akzeptanz. Vor allem aber ist bei der Gruppenbildung zu beobachten, dass die Mitglieder einer Gruppe gemeinsame Ziele und Interessen verfolgen. Gemeinsam kann man viel erreichen. Gelingt es nun, die Ressource der Solidarität auf nachhaltige Ziele zu lenken, kann demnach Vieles auch in dieser Hinsicht bewegt werden.

Mein Fazit


Mit seinen 124 Seiten und dem weichen Einband gleicht das Buch eher einem Magazin denn einer umfassenden Untersuchung, die alle Aspekte der Psychologie umfasst, wie es der Buchtitel suggeriert. Dennoch hat sich für mich die Lektüre gelohnt. Hervorzuheben ist der Ansatz des Autors, die gewonnen Erkenntnisse für Kollektive aller Art, seien es Non-Profit-Organisationen oder andere Institutionen, nutzbar zu machen.

Ganz leicht liest sich das nicht, denn gerade in den einführenden Kapiteln ist ein geübter Leser wissenschaftlicher Texte gefragt. Dies ist kein populärwissenschaftliches Buch, sondern wirkliche Fachliteratur. Wer es aber schließlich geschafft hat, sich durch das Werk zu arbeiten, wird zufrieden sein und eine Menge Inspiration gewonnen haben. Und die ist dann wirklich nachhaltig.


Einen herzlichen Dank an den Oekom Verlag für die Bereitstellung eines Leseexemplares.

     

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