Mittwoch, 14. Januar 2015

[Rezension] "Der Junge muss an die frische Luft" - Hape Kerkeling

Als ich vor ein paar Jahren "Ich bin dann mal weg" von Hape Kerkeling las, war ich schlichtweg begeistert. Ich fand es humorvoll und berührend. Entsprechend hoch waren nun die Erwartungen, als ich Kerkelings aktuelles Buch "Der Junge muss an die frische Luft" in die Finger bekam. Es lag auf dem weihnachtlichen Gabentisch - bereits wenige Tage später hatte ich es ausgelesen.




Ich wurde nicht enttäuscht. Die Geschichte, die der Autor diesmal erzählt, ist allerdings über weite Strecken weit dramatischer, als man es aus dem Vorgängerbuch kennt - und vielleicht auch ob seines sonnigen Gemütes vermutet hätte. Zwar bildet in "Ich bin dann mal weg" eine persönliche Krise für Hape Kerkeling den Ausgangspunkt, um sich allein auf den Jakobsweg zu begeben, in dem Bericht über seine Wanderung aber dominieren die skurrilen Situationen die nachdenklichen. Im neuen Buch ist dies umgekehrt.

Bereits der Einstieg macht deutlich, dass die Geschichte der Kindheit Kerkelings kein Spaziergang wird. Gleich zwei Kapitel leiten die Rückschau ein, beide Male sind es sehr berührende Begegnungen mit Kindern, die Kerkeling schildert. Zum einen ein Treffen mit einem totkranken Mädchen, das sich gewünscht hatte, Kultfigur Horst Schlämmer - alias Hape Kerkeling - persönlich kennenzulernen. Zum anderen ein Gespräch mit dem kleinen Luis, der nach dem Suizid seiner Mutter kaum mehr ein Wort spricht. Um ihm zu helfen, vertraut ihm der Autor seine eigene Geschichte an.

Und die hat es in sich. Denn auch er selbst musste als Achtjähriger diese schreckliche Erfahrung machen und eine schwere Zeit mit seiner einst lebenslustigen Mutter durchstehen. Die Schilderung um dieses prägende Ereignis bildet daher auch das Herzstück des vorliegenden Buches. Dass es den Leser trotz der traurigen Passagen nicht mit einem unguten Gefühl entlässt, ist nicht zuletzt dem lebensbejahenden Duktus Kerkelings zu verdanken. Er schreibt sich mit so viel Herzblut und Optimismus - man möchte fast sagen: die Seele aus dem Leib, dass es eine Wonne ist.

Und dann wären da ja schließlich noch all die anderen wichtigen Personen, die Tanten und Großeltern, Nachbarn und Lehrerinnen, die den Jungen damals in seiner Kindheit in Recklinghausen begleiteten. Mit einem guten und liebevollen Blick fürs Detail gibt der Autor ihnen Raum und lässt so viele unterhaltsame Anekdoten vor dem inneren Auge des Lesers entstehen. Den Tag, als er im Prinzessinnenkostüm zum Karneval erschien zum Beispiel oder die erste Begegnung mit seinem guten Freund Achim auf dem Schulhof, der auch später im Fernsehen ein wichtiger Wegbegleiter werden sollte.

Mich persönlich hat das Buch mehr als einmal zu Tränen gerührt und - auch im positiven Sinne - sehr bewegt. Da verzeihe ich Hape Kerkeling gern auch die ein oder andere dramaturgische Schwäche. Das Leben spielt eben doch nach seinen eigenen Regeln, ist nicht planbar - und so verhält es sich wohl auch mit den Erinnerungen. Allerdings hätte ich schon sehr gern gewusst, wie der kleine Luis am Ende auf Kerkelings Erzählung reagierte. Die Antwort darauf bleibt der Autor jedoch schuldig. Nichts desto trotz eine lohnenswerte Lektüre.




 

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