Dienstag, 30. Dezember 2014

[Rezension] „Der Werwolf von Münster“ – Maria Rhein & Dieter Beckmann

Kriminalromane mit Lokalkolorit gibt es mittlerweile viele. Die meisten finden ihre Leserschaft vor Ort, denn es macht Spaß, die vertrauten Straßenzüge und Gebäude vor dem inneren Auge bei der Lektüre wieder zu erkennen. Das dachten sich wohl auch Maria Rhein und Dieter Beckmann bei der Konzeption ihres Romans „Der Werwolf von Münster“. Und einen weiteren Aspekt fügten sie ihrem Plot noch hinzu: Die Geschichte rund um den Geheimpolizisten Heinrich Maler spielt im 19. Jahrhundert vor historischer Kulisse. In einer Stadt wie Münster gibt es dafür massenweise Stoff.





Es ist die Zeit des Kulturkampfes: Verschiebung der deutsch-französischen Grenzen, Veräußerung kirchlichen Besitzes und Umnutzung kirchlicher Gebäude waren nur einige Folgen der Trennung zwischen kirchlicher und staatlicher Macht. Im Roman werden solch geschichtliche Kenntnisse vorausgesetzt. Hier konzentriert man sich vor allem auf eines: Als Geheimpolizist wird Heinrich Maler von Berlin nach Münster geschickt, um den dortigen Bischof zu beobachten, denn die katholische Kirche gilt den Anhängern Bismarcks als feindliche Kraft. Maler erfüllt den Auftrag nur scheinbar, denn durch familiäre Bande fühlt er sich dem Bischof eng verbunden und möchte ihn durch manipulierte Berichte vor dem Schlimmsten bewahren.

Stattdessen heftet er sich einem Mörder auf die Spur, der durch grausame Taten die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt. Zwischen Spiritismus und Aberglaube zeichnen die beiden Autoren ein Weltbild, das neben dem katholischen Christentum auch durch weitere Einflüsse geprägt ist. Geisterbeschwörungen finden auf dem Landgut der Gräfin Gundula von Bockholt statt. Daneben predigt ein fanatischer Pfarrer von seiner Kanzel über sündhaftes Verhalten und die Folgen dessen im Jenseits. Kein Wunder, dass die Liste der möglichen Verdächtigen zunächst etwas länger ausfällt. Als Werwolf verkleidet lässt der Täter bei jedem seiner Opfer eine Bibelseite zurück.

Was hier viel Spannung verspricht, gelingt allerdings nur zum Teil. Zum einen werden, wie bereits erwähnt, weite Teile im historischen Kontext ausgeblendet, die ein umfassenderes und detaillierteres Bild von Münster zu dieser Zeit hätten zeichnen können. Die Tatsache, dass die Geheimpolizei die Katholiken auf dem Kieker hatte, ist nur ein Puzzleteil aus diesem bewegten Kapitel. Zum anderen wird der geübte Krimi-Leser bereits einige Zeit vor dem Ende einen Verdächtigen ins Auge gefasst haben, der sich später tatsächlich auch als Täter entpuppt.
Zudem werden Bindungen und Beziehungen vor allem über eine sexuelle Ebene definiert, Persönliches erfährt der Leser kaum über seine Protagonisten.

Maler wirkt oft passiv und lässt sich nicht selten von Zufällen leiten. Wichtige Indizien, die zu handfesten Hinweisen führen könnten, verlaufen im Sande. So gibt der Kommissar einem Experten zwar das Wolfsfell mit, um dessen Ursprung auf die Spur zu kommen, geht dem dann jedoch nicht weiter nach.

Warum sich das Lesen dennoch lohnt? Münster ist eben immer eine Reise wert, und sei es auch nur als Leser in Gedanken. Es macht Freude, mit Maler über den historischen Prinzipalmarkt zu flanieren oder den jahrhundertealten Dom vor Augen zu haben. Und nicht zuletzt sind die Protagonisten trotz aller Abstriche sympathisch, so dass man ihnen gerne folgt.


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