Samstag, 19. Juli 2014

Über Identität im virtuellen Raum

Dutzende Tweets, Forumsbeiträge und Posts haut manch einer täglich raus und gibt mit jedem Satz - so könnte man meinen - einen kleinen Teil seiner Seele Preis, für immer verloren im digitalen Raum. Von einem Vortrag darüber hat sich im Februar 2011 @PadLive inspirieren lassen, über die Defragmentierung, also gewissermaßen die Bündelung, seiner "digitalen Seele" zu schreiben. Er erzählte mir von seinem Blogpost und das hat mich neugierig gemacht.

"Es gibt Ideen, die sind wie ein schleichendes Gift", schreibt er. "Langsam fressen Sie sich in einer kleinen, unbedeutenden Gehirnwindung fest und knabbern an einem aus der Mode gekommenen Gehirnlappen herum. Dies ist so eine Idee: Ich fragmentiere meine digitale Seele nicht weiter." Manchmal setzt sich ein einziger Satz aus einem Gespräch oder Vortrag eben so fest, dass er dich, obwohl du ihm das Potenzial dazu eigentlich nicht zugetraut hättest, über Stunden, Tage und Wochen zu weiteren Überlegungen inspiriert. Und manchmal wird ein Entschluss und eine Handlung daraus.



Auch mir gereichte ein Satz in dem Text, um einige Gedanken im Anschluss daran zu entwickeln. Ich frage mich, ob der Begriff "Seele" in diesem Zusammenhang überhaupt so treffend ist. Zudem kann man sich streiten, ob es sich im virtuellen Raum tatsächlich um Fragmentierung oder, aus einem anderen Blickwinkel heraus gesehen, nicht auch um eine Erweiterung handeln kann.  

Leben wir in einem dualistisches Weltbild, das davon ausgeht, dass es etwas gibt, das eindeutig vom Körper zu trennen ist? Ansichtssache. Ich glaube nicht daran. Einerseits. Und doch denke ich, dass das Ganze mehr ist als die Summe aller Teile. Und - schwupps - schon bin ich mitten drin in meinem ganz persönlichen Spannungsfeld, flirrend und neugierig kreisend zwischen Differenz und Übereinstimmung.

Ich schlage also vor: Sprechen wir nicht von der Seele, sprechen wir von Identität. Und in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Fördern die digitalen Medien die Identitätsentwicklung oder hemmen sie? Auch dies ist nicht eindeutig zu beantworten. Einerseits fördern sie, denn es entstehen immer neue Ausdrucksformen und - was mich besonders interessiert - auch Kommunikationswege. Auf der anderen Seite bleiben sie flüchtig, es findet eine tiefgreifende Reflexion oft gar nicht und nur selten statt. Zudem wird es schwerer, sich immer wieder neu zu erfinden, je mehr "alte" Identität noch im Netz auffindbar ist.

Anyway. Es hängt für meine Begriffe weniger von der digitalen Welt ab, was daraus entsteht, sondern von den einzelnen Menschen, die sie nutzen. Ich persönlich habe auf virtuellem Wege schon sehr intensiven Austausch erlebt und interessante Anregungen erfahren. Andererseits gibt es auch im "real life" hinreichend viele Beispiele für Oberflächlichkeit.

Wofür ich aber absolut zu haben bin, ist dies: Ab und zu lohnt es sich sicher, darüber nachzudenken, was ich warum tue und ob eine Defragmentierung, eine Neusortierung, nicht unter Umständen das berühmte Mehr der Summe aller Teile überhaupt erst zum Vorschein bringt.




 





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