Donnerstag, 3. Juli 2014

Begeisterung statt Angst – der Neurobiologe Gerald Hüther

Lernen funktioniert ein Leben lang, wenn man es mit Begeisterung tut. Das meint jedenfalls der bekannte Hirnforscher Gerald Hüther. Er beschäftigt sich seit Langem mit den Voraussetzungen, die ein Lernen und Handeln ohne Angst – und somit auch einen gesünderen Umgang miteinander und unseren Potentialen – möglich machen können.

Foto: Franziska Hüther

 
Denkmuster bestimmen unser Handeln. Ob in persönlichen Beziehungen, im Berufsleben, in der Hobbygruppe oder auch beim Einkauf. Stets begleiten uns unsere Vorstellungen von uns selbst, unseren Mitmenschen und der Welt. Seit Generationen streiten sich Pädagogen, Psychologen und Hirnforscher, welchen Anteil das Erbgut an unserem Verhalten hat und wie groß der Einfluss unserer Erfahrungen darauf ist. Fest steht, dass ein nicht unerheblicher Teil unserer synaptischen Verschaltungen im Hirn erst ausgebildet wird, während wir bereits auf der Welt sind und neue Erfahrungen machen.

Gesundes Wertesystem

Das weiß Gerald Hüther zu berichten. Er begegnete mir vor zwei, drei Jahren im virtuellen Raum durch Zufall. Ich war im Internet unterwegs und recherchierte für eine Theaterinszenierung. Assoziativ ließ ich mich treiben, googelte zum Thema Mobbing, zum Bildungssystem in Deutschland und gab auch Begriffe wie „Verhaltensänderungen erreichen“ und „Bindungserfahrung“ ein. Irgendwann war er plötzlich da. Seitdem kreuzten sich meine Recherchewege mit Hüther immer wieder. Nicht zuletzt wohl deswegen, weil er sich mit einem Sujet beschäftigt, dass mich auch schon lange umtreibt, der Frage nämlich: Wie ist es machbar, unser (Bildungs-) System, das von einem ungesunden Leistungsdenken dominiert wird, in ein gesundes an positiven Werten orientiertes System zu wandeln?

Der Neurobiologe Hüther ist einem breiten Publikum bekannt, weil er gleich mehrere populärwissenschaftliche Bücher auf den Bestsellerlisten platzieren konnte. „Was wir sind und was wir sein könnten: ein neurobiologischer Mutmacher“ wäre hier zu nennen oder der Titel „Jedes Kind ist hoch begabt: Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen“. Im Kern geht es ihm, so wie ich ihn verstehe, stets um die Erkenntnis, dass Konkurrenzdenken und die Reduktion gesellschaftlicher Werte auf ihre ökonomische Verwertbarkeit langfristig in eine Sackgasse führen müssen.

Inspiration ist Futter fürs Gehirn

„Das Hirn“, so lehrt es Hüther, „lernt über die Erfahrungen, die Menschen machen bei der Lösung von Problemen.“ Ermutigend, oder nicht? Denn das bedeutet auch, dass eine Krise nicht automatisch zu einer angstvollen Erstarrung führen muss. Verhaltensänderungen und ein Umdenken sind nach meiner Auffassung in vielen Lebensbereichen dringend geboten. Das wissen wir alle, doch gleichzeitig fühlen wir uns oft machtlos gegenüber weit mächtigeren Einflussfaktoren. Inspiration muss her! Das findet Hüther übrigens auch, denn: „Das Hirn wird so, wie man es mit Begeisterung benutzt.“

Diese Worte sprach Gerald Hüther schon 2009 in einem etwa zweistündigen Vortrag bei den Theatertagen in Freiburg. Und weiter: „Wir müssten eine Gesellschaft werden, in der wir uns gegenseitig stärker als bisher begeistern – für das, was es zu entdecken gibt, für das, was es zu gestalten gibt. Wir müssten eine Potentialentfaltungsgesellschaft werden, in der Menschen einander einladen, inspirieren und ermutigen.“ In der frühkindlichen Entwicklung stelle das Gehirn ein Maximum an Nervenzellen zur Verfügung. Erfahrungen im Umfeld, d.h. in der Familie, im Kulturkreis und in der Schule, prägen das Kind. Sie geben den Ton an, wenn es darum geht, welche Verschaltungen erhalten und ausgebaut werden und welche im Laufe der Zeit verschwinden. Und aus sich wiederholenden Erfahrungen werden dann die Haltungen, die unsere Sicht auf die Welt bestimmen.

Chance auf neue Erfahrungen

Jedes Kind komme mit Gestaltungslust und Entdeckerfreude zur Welt, führt er weiter aus. Ein System, das lediglich mit Bestrafung und Belohnung arbeitet und auf diese Weise ein gewünschtes Verhalten andressiert, dringt nicht zum eigentlichen Kern des Problems vor. Denn: „Haltungen und Einstellungen, das ist es eigentlich, was wir ändern müssten.“ Durch Belohnung und Bestrafung ließe sich jedes beliebige Verhalten eines Menschen herstellen. Haltungen aber veränderten sich nur durch neue Erfahrungen: „Wenn man Haltungen verändern will, muss man Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen eine Chance geben, andere Erfahrungen zu machen. Und dazu müsste man jemand sein, der in der Lage ist, den anderen einzuladen, ihn zu ermutigen oder ihn gar zu inspirieren, noch mal eine neue Erfahrung machen zu wollen.“

Es braucht folglich Mutmacher in unserer Mitte, Menschen, die sich selbst ebenfalls begeistern können und die das, was sie tun, machen, weil sie es lieben. Es braucht Offenheit für neue Erfahrungen und die Bereitschaft zu lernen, weil schon allein darin ein Mehrwert besteht – unabhängig von einem ökonomisch sofort messbaren Nutzen.
Wer nun neugierig geworden ist, dem empfehle ich einen Blick auf den Trailer des Filmes „Alphabet“, in dem Regisseur Erwin Wagenhofer Menschen porträtiert hat, die dem Konzept des heutigen Bildungssystems ihre Erfahrungen und Ideen gegenüberstellen. Auch Gerald Hüther kommt darin zu Wort: „Weil wir denken, dass der Wettbewerb so wichtig ist, fangen wir an, unsere Kinder immer früher auf diese Konkurrenzwelt vorzubereiten. Und eigentlich müsste es anders herum sein“, sagt er.

Optimismus rockt!

Konkurrenz und Leistungsdruck machen Angst. Angst ist ein schlechter Ratgeber, wenn es darum geht, die eigenen Fähigkeiten und Potentiale zu entdecken und zu entfalten. Die braucht es jedoch, um nachhaltig etwas zu bewirken. Mir persönlich gefällt der Optimismus, den Gerald Hüther ausstrahlt. Er hält dies für absolut möglich – und vor allem das ist es, was ihn für mich zu einer Inspirationsquelle macht.


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