Dienstag, 15. April 2014

[Rezension] "Schloss aus Glas" von Jeannette Walls

Wenn Elke Heidenreich ein Buch empfiehlt, kann ich mich in der Regel darauf verlassen, dass es mir auch gefällt. Die Dame und ich scheinen oft den gleichen Geschmack zu haben. So auch in diesem Fall. Kaum zu glauben, aber Jeannette Walls verlebte, so schreibt sie es in dieser Autobiografie, eine glückliche Kindheit. Dabei wirkt das Umfeld, in dem sie aufwuchs, alles andere als stabil: ständige Wohnortwechsel und Geldmangel prägten den Alltag der vielköpfigen Familie. Auf knapp 400 Seiten erzählt die Autorin ihre ungewöhnliche, manchmal schmerzhafte, aber in jedem Fall abwechslungsreiche Kindheitsgeschichte. Humorvoll und anrührend nimmt einen diese Erzählung gefangen.




Eher erfolglos versucht Jeannettes Mutter, ihre Karriere als Künstlerin voran zu treiben. Der Vater schlägt sich mehr schlecht als recht mit Gelegenheitsjobs durch. Das wirkt oft lieblos und ist alles andere als kindgerecht. Sobald es Ärger gibt, wird das überschaubare Hab und Gut ins Auto gepackt und wieder muss eine neue Bleibe gefunden werden. In einem baufälligen Haus verbringt die Familie schließlich unzählige Tage und Nächte bei Kälte und unter auch sonst unvorstellbaren Bedingungen.

Familienwahnsinn

Dennoch liest sich die Autobiografie der Autorin zu keinem Zeitpunkt verbittert oder anklagend. Im Gegenteil: Ohne Umschweife berichtet sie von den großen und kleinen Katastrophen des verarmten Alltags, als handele es sich um den ganz normalen Familienwahnsinn. Herzerwärmend liest es sich, mit wie viel Verständnis und Liebe sie das Leben ihrer Eltern schildert. Da fragt man sich manchmal schon, wer hier eigentlich Kind und wer Erziehungsberechtigter ist. Vor allem der Zusammenhalt der Geschwister versöhnt mich mit den fragwürdigen Erziehungmethoden, bei denen sich Muttern nicht mal scheut, die mühsam angesparten Kröten ihrer Töchter zu entwenden, die ihnen den Weg in die Eigenverantwortung ebnen sollten.

Rahmenhandlung

Dass Jeannette Walls die Ereignisse aber auch nicht schönt oder gar verdrängt, wird gleich zu Beginn deutlich. Eine Begegnung mit ihrer verarmten Mutter bildet den Rahmen der Erzählung. Längst hat sich die Tochter trotz aller Widrigkeiten und Umstände ein eigenes Leben aufgebaut. Als sie ihre Mutter wie eine Obdachlose gekleidet durch die Straßen ziehen sieht, überfällt sie Scham. Jegliche Hilfe lehnen die Eltern ab und verschließen auch weiterhin die Augen vor der Realität. Die Autorin hat, so scheint es, ihren Frieden mit der Vergangenheit geschlossen und ein bemerkenswertes Buch geschrieben. Innerhalb weniger Tage hatte ich es verschlungen, denn ich konnte es kaum aus der Hand legen. Spannend bis zur letzten Zeile.



  


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