Montag, 4. März 2013

Ratgeberliteratur zur Borderline-Persönlichkeitsstörung

Als mir der Begriff "Borderline" zum ersten Mal begegnete, konnte ich nicht das Geringste damit anfangen. Er schien mir aber der entscheidende Schlüssel zu sein für eine unerträgliche Situation, in der ich mich befand. Ich tat also, was ich immer tat, wenn ich etwas nicht verstand: Ich betrat die Bücherei und recherchierte. Tatsächlich fand ich einen ganzen Haufen Literatur zum Thema, was mir die Augen öffnete. Beinahe die ganze Nacht hockte ich über den Büchern. Ich las und las, bis mir die Augen zu fielen. In den folgenden Tagen ging es mir nicht anders. Zusammenhänge, die vollkommen irrational erschienen, wurden mir klarer und Reaktionen, die ich bei mir selber nicht nachvollziehen konnte, erklärten sich ebenfalls. Ich fühlte mich verstanden. Und, daraus resultierend, war ich in der Lage, eine gesunde Entscheidung für mich zu treffen. Das ist jetzt beinahe elf Jahre her.



Vor nicht allzu langer Zeit wurde ich erneut mit dem Thema konfrontiert und es fiel mir ein Buch in die Hände, das ich damals nicht gelesen hatte. Kein Wunder, denn es erschien erst 2005, also ein paar Jahre danach. Es trägt den Titel "Borderline brach Herz" und richtet sich an (Ex-) Partner von Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Ich nehme diese Lektüre zum Anlass, ein paar Buchempfehlungen auszusprechen, die bei der Auseinandersetzung mit dem Thema hilfreich sein können.

Zunächst einmal wäre da das Buch "Ich hasse dich, verlass mich nicht" zu nennen. Erst im Sommer 2012 ist die erweiterte und aktualisierte Neuausgabe erschienen. Viele Expertenseiten empfehlen es als Einstieg, um das Störungsbild in seiner vollen Bandbreite zu verstehen. Bei Amazon und auch anderweitig im Netz finden sich haufenweise Rezensionen. Das extrem widersprüchliche und impulsive Verhalten des Borderliners wird hier anhand vieler Fallbeispiele verdeutlicht und erklärt. Aber auch die Verwirrung und Machtlosigkeit der Angehörigen findet seinen Platz. Der Untertitel des Buches weist bereits auf einen entscheidenden Aspekt der Störung hin: "Die Schwarz-weiße Welt der Borderline-Persönlichkeit". Die Identität des Borderliners und somit auch sein Zugang zu seinem Gegenüber kennt in der Regel keine Grautöne und ist im höchsten Maße instabil. Zwischen Verschmelzungsgedanken und Idealisierung auf der einen Seite, krasser Ablehnung und Entwertung auf der anderen katapultiert die Borderline-Persönlichkeit seine Beziehungspartner zwischen extremen Gemütszuständen hin und her. Das Verhalten resultiert aus einer extremen Angst, verlassen zu werden, bei einer gleichzeitigen Unfähigkeit, echte Nähe zuzulassen. Konkrete Beispiele sowie Informationen über Ursachen finden sich im Buch en masse. Meist lassen sich die Verhaltensmuster aus Kindheitserfahrungen herleiten. Physischer, sexueller und/oder emotionaler Missbrauch ist in der Regel bei fast allen Borderline-Persönlichkeiten in ihrer Biografie zu finden. Verständnis dafür zu entwickeln, dass mein Gegenüber meist also aus Hilflosigkeit handelt, nicht aus kalkulierter Berechnung, kann ein erster Schritt für Beziehungspartner - sprich Freunde, Familienangehörige oder Lebenspartner - sein, aus dem destruktiven Kreislauf auszusteigen, den das Verhalten des Borderliners mit sich bringt.

Ein zweiter Schritt sollte jedoch auch die Betrachtung der anderen Seite sein: Was habe ich an Mustern mit in den Kontakt, in die Beziehung gebracht? Was ist also mein Anteil an dem Dilemma, in dem ich mich befinde? In der Regel berichten Angehörige von starken Schuldgefühlen, einem schlechten Gewissen trotz enormer Grenzüberschreitungen des Gegenübers, von Selbstzweifeln bis hin zur Selbstaufgabe und von tief empfundener Scham. "Warum habe ich mir das eigentlich die ganze Zeit gefallen lassen?" - "Das glaubt mir kein Mensch, wenn ich es erzähle." - "Ich erkenne mich ja selbst nicht mehr." - Um nur einige Reaktionen zu nennen. Manipulationen und emotionale Erpressung wird da geschildert, enorme Verzweiflung und Hilflosigkeit, Zweifel an der eigenen Wahrnehmung nun also auch auf der anderen Seite.
Da die Borderline-Persönlichkeit in der Regel wenig bis keine Einsicht zeigt, wenn man sie auf ihr widersprüchliches Verhalten hinweist, fällt es oft schwer, Konflikte auf normalem Wege zu klären und zu lösen. Ein hohes Maß an Stabilität ist daher notwendig, um für die Wahrung der eigenen Grenzen und Bedürfnisse gerade zu stehen. Oft aber sind es vor allem selbstwertschwache Menschen, die sich in Lebenspartnerschaften oder engen Freundschaften zu Borderlinern wieder finden. Von Co-Abhängigkeiten und Komplementärstörungen im Extremfall ist da in der einschlägigen Literatur die Rede. Es gibt jedoch auch Wege aus der Kommunikations- und Beziehungs-Sucht-Falle. Zwei Bücher möchte ich nennen, die sich vor allem an Angehörige wenden, um einen besseren Umgang mit dem oder im Zweifel sogar eine Trennung vom Borderliner zu ermöglichen.

Vorweg schicken möchte ich den Hinweis, dass ich in einigen Rezensionen gelesen habe, dass sich manche Betroffenen in den bisweilen etwas pauschal geratenen Darstellungen der Störung in den beiden gleich genannten Büchern nicht wieder finden. Das kann ich nachvollziehen, denn jeder Einzelfall ist anders. Entscheidend für mich war es jedoch immer, die zugrunde liegende emotionale Haltung zu verstehen. Da die Bücher sich vor allem an Angehörige wenden und es auch darum geht, zu verstehen, was das Verhalten des Borderliners in diesen auslöst, halte ich dieses Defizit für akzeptabel. Ich habe aber sehr bewusst ein anderes Buch in diesem Artikel an den Anfang gestellt.
Oben erwähnte ich bereits das Buch "Borderline brach Herz". Hier liegt der Schwerpunkt vor allem darauf, in kurzen, knackigen Kapiteln das Gefühlsleben der (Ex-) Partner zu erklären, emotionale Abhängigkeiten zu verdeutlichen und "Beziehungs-Aussteigern" Mut zu machen, sich zu verzeihen und das eigene Leben wieder in die Hand zu nehmen. Das tut gut und gibt Kraft. Viele Menschen erleiden regelrechte Traumata durch das oft wochen-, monate- oder in Einzelfällen jahrelang anhaltende verletzende Verhalten, dem sie sich ausgesetzt haben. Da tut es gut, zu wissen, dass man mit der Erfahrung nicht allein ist.
Ausführlicher fasst sich "Schluss mit dem Eiertanz: Für Angehörige von Menschen mit Borderline". Hier werden neben Fallbeispielen konkrete Kommunikationstipps gegeben. Dieses Buch kann ich nur wärmstens empfehlen, denn es ist eine enorme Unterstützung und bietet sofort umsetzbare Hilfestellungen an. Ein Arbeitsbuch hierzu, das ebenfalls im Handel erhältlich ist, enthält zudem Übungsmaterial, um neue Verhaltensmuster zu trainieren. Dieses kenne ich nicht, es ist aber ebenfalls sehr gut besprochen worden.

Einen interessanten Einblick in das Thema "Borderline" bietet der Spielfilm "Allein" aus dem Jahre 2004 mit der wunderbaren Lavinia Wilson in der Hauptrolle. Zwar ist es schwer, in Bildern die tatsächliche emotionale Tiefe dieser Störung festzuhalten, aber das differenzierte Spiel der Darsteller zeigt deutlich die innere Leere und Verzweiflung der Hauptfigur sowie mögliche Auswirkungen ihres unbeständigen Verhaltens auf ihre Umwelt.
Sehr aufschlussreich ist auch das Bonusmaterial der DVD, beispielsweise ein ausführliches Interview mit Dr. Claas-Hinrich Lammers zur Borderlinepersönlichkeitsstörung. Sein Gedanke, es handele sich erst dann um eine Störung, wenn die betroffene Person und/oder ihr Umfeld unter dem Verhalten dauerhaft leide, regt zum Nachdenken an. Beziehungsstörungen zeigen sich in der Interaktion mit anderen. Bisweilen bleiben deren Auswirkungen für Außenstehende und entfernte Bekannte, die dem/der Borderliner/in nicht so nahe stehen, lange Zeit verborgen. Für Angehörige bedeutet das oft eine zusätzliche Belastung.

Übrigens gibt es auch im Internet haufenweise mehr oder weniger gute Seiten im Netz, die sich mit der Störung, ihren Ursachen und Auswirkungen befassen. In unzähligen Foren tauschen sich Betroffene und Angehörige von Betroffenen aus. Um nur wenige dieser Seiten heraus zu greifen, empfehle ich an dieser Stelle die Borderlinezone sowie Borderline-Borderliner.de. Die Liste kann gerne über die Kommentarfunktion um interessante Links ergänzt werden.

Last but not least möchte ich ein Zitat ans Ende stellen, das ich in meiner jüngsten Lektüre gefunden habe: "Suchen Sie sich Vertraute und reden Sie über Ihren Schmerz und über das, was vorgefallen ist. Damit erklären Sie sich selbst Ihre Beziehung noch mehr und erlangen größere Bewusstheit, was eigentlich passiert ist." (Borderline brach Herz, S. 56)
Wer sich nach all der Lektüre weitere Unterstützung wünscht, dem sei gesagt, dass es keine Schande ist, sich Hilfe zu holen. Es gibt einen ganzen Haufen Beratungs- und Anlaufstellen. Auch eine Therapie kann für Angehörige ratsam sein.


 

Kommentare:

  1. Ein insgesamt schöner Artikel. Als Partnerin eines Borderliners kann ich vieles wieder erkennen. Ich kenne auch die beschriebenen Bücher. Nur das Forum Borderlinezone wundert mich, das es hier empfohlen wird. Das ist doch mehr ein Hass-Forum wo man Generalurteil über eine Gruppe von Menschen (Borderline-Betroffene) fällt. Das meiste das dort beschrieben ist hat mit der Krankheit nicht viel zu tun. Ein echter Austausch zwischen Angehörigen und Betroffenen findet da auch nicht statt. Da Borderliner da als seelenlose Monster sofort vertrieben werden.
    Da gibt es deutlich bessere Foren. Den Borderline-Spiegel zum Beispiel.
    LG

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  2. Vielen Dank für den Kommentar und die Ergänzung. Hm, eigentlich wollte ich die Borderlinezone direkt auf das Thema Borderline & Beziehung verlinken, aber das scheint nicht zu funktionieren. Das dortige Forum kenne ich nicht gut genug, aber die Ausführungen über die verschiedenen Beziehungsmodelle fand ich sehr aufschlussreich. Das hat mir damals geholfen. LG

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