Sonntag, 2. Dezember 2012

Effi Briest und die Sache mit der Ehre

Mit Schullektüren ist es ja immer so eine Sache. Der Lesezwang hat schon so manchem die Freude an guten Geschichten verdorben und dennoch ist es wichtig, in der Schule mit lohnenden Stoffen in Berührung gebracht zu werden. Ich persönlich kann mich nicht erinnern, dass ich damals "Effi Briest" habe lesen müssen. Um so erstaunlicher, dass ich das Werk nun bei der Durchsicht meiner Bücher gleich zweimal fand.




Dass beide Exemplare bis vor Kurzem noch ungelesen waren, ist kein Wunder, zählte ich doch in der Schulzeit eher zu den Lektüre-Verweigerern und holte mir die notwendige Kenntnis über Inhaltsangabe und Weiteres in der Bücherei aus dem Lexikon. Ist ja auch eher verschrien der Text - als Langweiler und Zeitrauber. Muss also alles nichts heißen. In diesem Sommer habe ich mich nun aber doch endlich durch den Fontane geackert und siehe da - ich konnte tatsächlich eine Menge damit anfangen.

Da wäre zum Einen die Sprache, die mir persönlich außerordentlich gut gefällt. Man muss sich Zeit nehmen, um der Erzählung folgen zu können. Die Dinge entwickeln sich eher in gemächlichem Tempo. Eine Herausforderung für ungeduldige Geister. Zum anderen aber ist es vor allem das Thema, das mich sofort anspricht. Es geht um eine kluge junge Frau, die in ihrer Zeit, vor allem aber in einem System von Glaubenssätzen gefangen ist und letztlich bei dem Versuch, diesen Zwängen zu entkommen, alles verliert und zerbricht.

Kurz zusammen gefasst der Plot: Effi wird mit 17 verheiratet, wie es im 19. Jahrhundert üblich war, an einen älteren Mann, der sie mit aufs Land nimmt. Die intelligente und aufgeschlossene junge Frau verkümmert an diesem Ort gleichermaßen intellektuell und emotional. Auf der Suche nach emotionalem Halt verliebt sie sich in Crampas. Dem Leser wird nicht im Detail offenbart, was tatsächlich zwischen den beiden geschah. Jahre später aber, als Effi mit Mann und Kind längst schon in Berlin wohnt und alles in geordneten Bahnen verläuft, findet ihr Ehemann Instetten Briefe des Crampas aus eben jener Zeit. Von seinem Ehrgefühl getrieben, fordert er Crampas zum Duell, verstößt Effi und enthält ihr die gemeinsame Tochter vor. Wenige Jahre danach verstirbt Effi an gebrochenem Herzen.

Was zu damaligen Zeiten Usus war, würde in dieser Form voraussichtlich nicht mehr in Deutschland geschehen. Denkt man. Aber ist das so? Klar, denkt man, da gibt es diese Fälle von Ehrenmorden im Namen religiöser Werte. Aber das ist doch gar nicht vergleichbar. Ist ja was vollkommen anderes, denkt man. Aber warum eigentlich? Was ist denn mit all den Familientragödien vor unserer Tür, die Tag für Tag für Schlagzeilen sorgen? Gerade in der vergangenen Woche hat ein Familienvater hier im Nachbarort erst seine Kinder, dann sich selber umgebracht. Aber was genau hat das jetzt mit Effi Briest zu tun?

Das Gefühl verletzter Ehre ist in meinen Augen eine Form von Kränkung und somit sehr wohl vergleichbar mit anderen Fällen, in denen Kränkung zum Motiv geworden ist. Wer sich in einschlägiger Fachliteratur herum treibt, der weiß, zu welch stark emotionalen Reaktionen tief gekränkte Menschen in der Lage sind. "Kränkung", so definiert es die Psychotherapeutin Dr. Bärbel Wardetzki in diesem Video, "ist eine mögliche Reaktion auf etwas, was von außen kommt und wodurch ich mich entwertet fühle. Ein Kränkungserleben ist immer ein Erleben, wo unser Selbstwertgefühl aus der Balance kippt in Richtung Minderwertigkeit."

Wardetzki bezeichnet eine Kränkung darüber hinaus als eine aktive Reaktion. Nicht das, was mit mir gemacht wurde und wie ich behandelt worden bin, ist Grund für die Kränkung, sondern meine Haltung dazu. Es hat also etwas mit der inneren Einstellung zu mir zu tun, ob ich mich dadurch entwertet fühle oder eben nicht. Und diese resultiert aus all dem Erleben, das ich bereits hinter mir gelassen, aber noch nicht verarbeitet habe. Stichwort Kindheitsmuster.

Die schlechte Nachricht ist: Wir alle sind kränkbar. Die gute aber: Man kann lernen, in gesunder Weise damit umzugehn. Ein Bewusstsein für die Prozesse zu schaffen, die zur Kränkung führen können, ist dabei unabdingbar.

Effi Briest lebte in einem System, in dem Menschen ihren Wert durch starre Regeln von außen zu steuern versuchten. Das kann schützen, wenn alle perfekt innerhalb des Systems funktionieren. Es kann aber eben auch verheerende Folgen haben, wenn ein Mensch sich emotional nicht in diesem System wieder findet und auszubrechen versucht. Eine spannende literarische Figur, der ich mit meinem Label NASEWEIS im September Leben eingehaucht habe. Das Stück "Ehrenmord" ist bereits am kommenden Samstag wieder in Münster zu sehn. Dieser und weitere Termine finden sich unter diesem Link: www.theaternaseweis.blogspot.de.




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