Samstag, 24. November 2012

[Rezension] "Splitterfasernackt" - Lilly Lindner

Brutal. Schonungslos. Poetisch. Die drei Worte fallen mir auf Anhieb ein, wenn ich meinen Leseeindruck von Lilly Lindners "Splitterfasernackt" beschreiben soll. Gerade bin ich dabei, meine Bücherregale zu entrümpeln, und da gibt es ein paar Bücher, die ich nicht aus der Hand geben mag, ohne sie zuvor noch besprochen zu haben. Dieses Buch gehört definitiv dazu.
Ob es mir gefallen hat? Das kann ich bis heute nicht genau sagen. Es hat mich bewegt, ja, es hat mich begleitet und ist mir mit manch einer Formulierung über Wochen nicht aus dem Kopf gegangen.




Aber kurz zu der Geschichte: "Splitterfasernackt" ist ein autobiografischer Roman über eine Frau, die in jungen Jahren emotionale Vernachlässigung und brutalste sexuelle Gewalt erlebt hat und nun als Prostituierte arbeitet. Sie berichtet ungeschönt von ihren inneren Abgründen, ihrem Selbsthass, ihren Essstörungen und nicht zuletzt von ihren verzweifelten, vorwiegend aber zum Scheitern verurteilten Versuchen, die große Leere in sich zu füllen.
Das alles wäre kaum auszuhalten, verfügte sie dabei nicht über eine derart kraftvolle und poetische Sprache. Und so reißt sie mich mit auf ihre emotionale Achterbahnfahrt, katapultiert mich mit Wucht von schwarz nach weiß und zurück, durchläuft die gesamte Klaviatur erschütternder Gefühlswelten, wie es für eine ausgewachsene Borderline-Persönlichkeit wohl typisch ist.

"Wenn ich mit jedem Mann auf der Welt freiwillig ins Bett gehe, dann kann ich nie wieder vergewaltigt werden", schreibt Lindner. "Den schlimmsten Sex im Leben kann man nur einmal haben. Und ich habe ihn bereits hinter mir."
Im Alter von sechs Jahren wird sie von einem Nachbarn brutal sexuell missbraucht.
"Wenn du noch einmal schreist, schlitze ich dich auf!", zitiert sie den Mann und erzählt: "Also schreie ich nicht mehr. Ich bin ganz still. Aber er schlitzt mich trotzdem auf."
Ihre Versuche, sich bemerkbar zu machen, werden von der Mutter geschäftig übersehn und überhört. So bleibt das Kind in seinem Schmerz allein. Hilft sich selbst, indem es sich zurück zieht und anfängt, sich hinweg zu hungern und selbst zu verletzen.

Es scheint aus Lindners Sicht nur konsequent, dass sie das Trauma zu verarbeiten versucht, indem sie es kontrollierbar macht. Und indem sie den Schmerz sucht, um sich lebendig zu fühlen. Im Alter von 21 Jahren beginnt sie, sich in einem Edelbordell zu prostituieren. Es ist ein seltsames Verständnis von Selbstbestimmung, das sie fortan lebt: Dem Schrecken den Stachel zu nehmen, indem sie sich "freiwillig" dafür entscheidet. Dies sei die erste und wichtigste Regel in ihrem Leben: "Lass niemals zu, dass ein Mann dich berührt, nur weil du einsam genug bist, um dir verlogene Illusionen zu schaffen. Halte dich fern von Liebe und Zärtlichkeit, denn das sind zwei Dinge, mit denen du nicht umgehen kannst, nicht heute und auch an keinem anderen Tag."

Was mich beeindruckt, ist die Offenheit, die die Autorin an den Tag legt. Es mag ihr geholfen haben, ihre Geschichte aufzuschreiben und das verdient Respekt. Immer wieder setzt sie sich im Bordell an ihren Laptop und tippt, "weil Schreiben das Einzige ist, was ich kann, ohne dabei abseits von meiner Seele, zwischen flüchtig zusammengepflasterten Gedanken zu stehen." Doch hilft es auch anderen?
Zur Recherche habe ich mich durch verschiedene Internetforen gelesen. Ich wollte wissen, ob ich dieses Buch ernsthaft Betroffenen empfehlen kann. Die Antworten dort sind in Bezug auf diesen Punkt sehr ambivalent. Auf der einen Seite finden sich die Frauen in den Erfahrungen der Autorin wieder und verstanden. Auf der anderen Seite beschreiben sie, wie Lindners Schilderungen die eigenen Essstörungen wieder anstacheln können. Es besteht also durchaus Trigger-Gefahr. Dessen möge sich jede bewusst sein, die dieses Buch zur Hand nimmt.

Zweifelsohne ist Lilly Lindner eine kluge Frau, das scheint in vielen ihrer Sätze durch. Und dass ihre Schreibe durchaus auch Positives bewirken kann, erzählt sie beispielsweise in diesem Interview. Mir persönlich ging, das muss ich zugeben, das ständige Kreisen Lindners um ihre Essstörungen bisweilen gehörig auf die Nerven. Und dennoch hat sie mich mit ihrer Sprache doch immer wieder gekriegt. Ich habe es brav zuende gelesen. Auch, und davon bin ich überzeugt, weil es notwendig ist, solche Geschichten erzählen zu dürfen! Ganz sicher aber werde ich es kein zweites Mal durchackern, dafür zieht es mich zu sehr mit in all die emotionalen Abgründe und Untiefen.

Meine Hochachtung vor dieser schriftstellerischen Leistung, Frau Lindner. Es zeugt von Qualität, dass ein Buch dies vermag. Und dennoch gebe ich es jetzt nur allzu gern aus der Hand. Aber nicht, ohne Sie ein letztes Mal an dieser Stelle zu Wort kommen zu lassen: "[E]ins weiß ich mit Sicherheit: Dass wir das Leben führen, für das wir uns entscheiden. Dass wir so tief fallen, wie wir es zulassen, dass wir so weit sehen, wie wir es wagen, die Augen zu öffnen. Und dass die Worte, die wir sprechen, nur so lange weiterklingen, wie wir ihnen Nachdruck verleihen." Ein Plädoyer für Selbstverantwortung. Trotz allem.






Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen