Sonntag, 19. Februar 2012

[Rezension] "Die kleine Göttin der Fruchtbarkeit" - Paul Mesa

Was für eine wundervolle kleine Kostbarkeit! Paul Mesas Erstling bescherte mir herrlich schmunzelnde, auch nachdenklich rührende und grotesk überraschende Stunden der Lesefreude!




Im Zentrum dieser köstlichen Geschichte steht die kleine Bica. Der Kindheit entwachsen, 27 nämlich, aber dafür nur 1,49m groß, verarbeitet sie auf ihre Weise den Verlust ihrer krebskranken Mutter. Nach und nach kommt sie einem Familiengeheimnis auf die Spur, das für sie alles verändert: den Blick auf ihre Mutter, auf vergangene Verletzungen und letztlich auch auf sich selbst.
"Man kann eine Enttäuschung vermeiden, rückgängig machen kann man sie nicht." Es wird immer Unausgesprochenes geben, wenn ein Mensch von uns geht. Doch manchmal fängt "[d]as Kennen lernen [...] an, wenn die Worte versiegen."

Der Tod eines nahen Verwandten ist für jeden Menschen ein einschneidendes Erlebnis. Auch Bica trifft beim Arztbesuch die Diagnose der Mutter bis ins Mark: "Er legte das Röntgenbild sanft auf den Tisch zurück. Lautlos und kalt wie eine gefrorene Pfütze lag es da. Und wollte nicht schmelzen." Kurz darauf stirbt die Mutter.
Trauer hat viele Gesichter. Bica ist nun vor allem mit zwei Dingen beschäftigt: Dem Wunsch ihrer verstorbenen Mutter nachzukommen, ihr posthum endlich einen Partner und potentiellen Vater ihrer Enkel zu präsentieren, zum anderen der Welt einen ungeahnten Babyboom zu bescheren, indem sie mit einer Spritze mühsam jedes Kondom perforiert, dessen sie habhaft werden kann. Als Zimmermädchen in einem Hotel hat Bica Zugang zu allen Zimmern. Und auch für eine eigene Liebelei nutzt sie dieses Privileg.

Das beinahe zwanghafte Perforieren fremder Präservative scheint für Bica etwas Beruhigendes zu haben und ihr Halt zu geben. Zwar gelingt es ihr selber nicht, den Mann fürs Leben zu finden und ihrer Mutter somit zu beweisen, dass sie eine liebenswerte junge Frau ist, aber wenigstens bleibt sie nicht untätig. Soviel zur Theorie.
Dumm nur, dass auf einmal Gerüchte über Prostitution den Mikrokosmos des Hotelbetriebes erschüttern, dass der Geist der toten Mutter plötzlich leibhaftig vor Bica steht und sie alles daran setzen muss, diese vor den Augen anderer zu verstecken, und dass zu allem Überfluss ihre große (Hotelzimmer-) Liebe scheinbar doch nur ein Windhund ist, der nicht schnell genug eine andere haben kann.
Bicas Leben gerät völlig aus den Fugen. Verzweifelt sucht sie einen Rettungsanker und möchte doch letztlich nur alles richtig machen. Dabei übersieht sie am Ende beinahe, wer wirklich zu ihr passt.

Mesas Roman setzt an, wenige Wochen nachdem Bicas Mutter von ihr ging. Im Laufe der Kapitel und unzähliger verbaler Kostbarkeiten entspinnt sie Bicas sanfte und langsam unausweichliche Auseinandersetzung mit all den unausgesprochenen Wahrheiten der Mutter, ungeklärten Fragen nach dem leiblichen Vater und letztlich nach Bicas ureigener Identität.

Dieses Buch ist ein kleiner Schatz, den ich nur empfehlen kann!

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