Dienstag, 29. November 2011

[Rezension] "Brief an mein Leben" - Miriam Meckel

Wann hast du dir das letzte Mal Zeit genommen, aus dem Fenster zu sehn? Einfach nur da zu sitzen, ohne Arbeit in der Hand zu halten, ohne eine konkrete Gedächtnisaufgabe, ohne die Überlegungen zum Ablauf des weiteren Tages. Einfach nur schauen und die eigene Gegenwart erspüren. Was empfindest du, wenn du es versuchst? Unruhe, Ungeduld, ein schlechtes Gewissen vielleicht? Oder auf der anderen Seite Gelassenheit, Ausgeglichenheit, Erleichterung, einmal nichts tun zu müssen? Vielleicht auch irgend etwas dazwischen.

Der Blick aus dem Fenster ist der Ausgangspunkt, von dem aus uns Miriam Meckel mit nimmt in ihre Erfahrungswelt. Nach einem Burnout befindet sie sich in einer psychosomatischen Klinik in Süddeutschland. Ihre Aufgabe klingt einfach: Sie soll ein Wochenende lang allein sein, aus dem Fenster schauen und sich selbst dabei beobachten. Was macht diese Erfahrung mit ihr? Welche Empfindungen steigen in ihr auf? Welche Gedanken überfallen sie dabei? Kommunikation ist nicht erlaubt. Kein Handy, kein Computer, keine Gespräche. Auch keine Musik und keine Bücher. Einzig Stift und Papier. Und sie tut es. Erst widerwillig, dann mit immer größer werdendem Interesse. Sie sitzt, sie beobachtet sich, sie hardert, sie erträgt die Unruhe, sie horcht auf die Stimmen in ihrem Kopf und sie reflektiert. Und schließlich schreibt sie einen Brief an ihr Leben.




Als existentielle Erfahrung beschreibt Miriam Meckel die Einsicht, in ihrem eigenen Leben an ihre Grenzen gerade in Bezug auf Kommunikation geraten zu sein. Alltägliches überfordert plötzlich, eine Fokussierung ist in der Masse der Reize und Aufgaben nicht mehr möglich. Zu viel "Informationsinput". Ein Leben lang hat Meckel als Wissenschaftlerin auf eben diesem Gebiet geforscht, sie ist gereist, hat Vorträge gehalten und Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht. Und nun muss sie sich eingestehen, dass es ein gravierender Unterschied ist, von einer Sache etwas zu wissen oder in seinen eigenen Handlungsmustern auf dieses Wissen auch zurück greifen zu können.

Burnout beschreibt eine moderne Form der Depression, des emotionalen Zusammenbruchs, der körperlichen und seelischen Überforderung im Repeat-Modus des geschäftlichen Alltags. Burnout, so beschreibt es Meckel, ist auch eine Möglichkeit, selbst diesem Zustand des Nichtmehrkönnens noch einen Anstrich von Leistungsbereitschaft zu geben: "Stress-als-Lifestyle-Anmutung"nennt sie die Diagnose nicht ohne Augenzwinkern. "Der Burnout gehört zum erfolgreichen Berufsleben wie das Eigenheim zur Vorbildfamilie." Die Rechnung ist einfach: Wer nicht irgendwann zusammen bricht, ist nicht an seine Grenzen gegangen.

Tatsächlich aber ist der Burnout eine Folge lang anhaltender Grenzüberschreitung, das muss sich Meckel nun eingestehen. In einem immerwährenden Kreislauf der Selbstüberforderung hat sie Körper und Seele konsequent herunter gewirtschaftet. Die Empfindung, einzig von Wert zu sein, wenn die Leistung stimmt, einzig dann geliebt zu werden, muss früher oder später gegen die Wand steuern. Sie habe es gespürt, dass ihre Kräfte schwanden, erzählt Meckel weiter. Und dennoch habe sie nicht aus ihren Mustern heraus gefunden. Anstatt sich selbst zu schonen, habe sie mit noch mehr Leistung und noch mehr Arbeit der schwindenden Leistungsfähigkeit entgegen wirken wollen.

In dieser Schonungslosen Selbstbetrachtung enttarnt Meckel die Mechanismen einer Leistungsgesellschaft, denen sie lange Zeit erlegen war. Doch sie zeigt auch einen Weg hinaus, ihren Weg, das Leben, die eigenen Bedürfnisse wieder zu spüren und sich selbst neu zu entdecken. Lebensqualität misst sich nicht an Leistung, der Wert einer Person nicht an der Anzahl der von ihr produzierten Artikel und Vorträge. Lebensqualität bemisst sich an der Qualität von Beziehungen. Vor allem an der zu sich selbst. "Liebes Leben", schreibt Meckel, "[...] nimm dir die Zeit, die du brauchst. Es gibt genug davon." Diesem Fazit ist nichts hinzuzufügen.

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