Samstag, 3. September 2011

[Rezension] "Ohrfeige für die Seele" - Bärbel Wardetzki

Was ein Mensch als Kränkung erlebt, hängt in besonderer Weise von seiner individuellen Geschichte ab. Sicher, es gibt Kränkungen, die jedem nachvollziehbar erscheinen, aber eben auch andere, die ein Verhalten hervor rufen, das Außenstehende, bisweilen sogar Betroffene selber überrascht. In ihrem Buch "Ohrfeige für die Seele" berichtet Bärbel Wardetzki von Kränkungen und ihren Ursachen, die meist schon in der frühen Kindheit ihre Wurzeln haben.


"Wie wir mit Kränkung und Zurückweisung besser umgehen können" lautet der Untertitel des Buches. Und tatsächlich gibt die Autorin zunächst einmal viel Raum für Erklärungen. Ihre zahlreichen und sehr lebensnahen Beispiele schöpft sie (mit dem Einverständnis der KientInnen) fast ausschließlich aus ihrer therapeutischen Praxis.
Eine Kränkung, schreibt sie, sei vor allem deshalb eine so schmerzhafte Erfahrung, weil sie direkt auf das Selbstwertgefühl ziele. Möglicherweise ahnt mein Gegenüber nicht einmal, wie sehr mich seine Bemerkung oder sein Verhalten verletzt. Und möglicherweise fühle ich mich zu emotionalen Reaktionen verleitet, die sich zwar aufgrund meiner inneren Gefühlslage durchaus erklären lassen, nach ruhiger Überlegung jedoch unangemessen heftig erscheinen. In solchen Augenblicken agiere nicht der rationale erwachsene Part in uns, sondern häufig das innere Kind, weil das Erlebte tief an Erfahrungen z.B. von Verlassenheit oder Demütigung aus der Kindheit rührt. Der Gekränkte ist verletzt, schlägt vielleicht um sich und zieht sich dann in der Regel zurück. Der Kränkende spürt die Veränderung, kann sie sich jedoch nur zum Teil erklären. Häufig bleibt die Klärung aus, da weitere Verletzungen befürchtet werden.
Die dabei empfundene Ohnmacht jedoch kann überwunden werden, wenn die wunden Punkte ins Bewusstsein rücken. Dies ermögliche eine auf Dauer geringere Kränkbarkeit und könne, so Wardetzki, in Eigenregie oder auch in therapeutischer Begleitung geschehen. Die Autorin versucht, Wege aus dem Teufelskreis hinaus zu beschreiben, Anleitungen zu einem offeneren Umgang mit Kränkungen zu geben und Alternativen zum partiellen oder sogar vollständigen Kontaktabbruch aufzuzeigen. Eine gute Kommunikation, ein Austausch über die individuellen Befindlichkeiten und auch deren Ursachen mit dem Ziel einer gemeinsamen Lösungserarbeitung sei möglich. Dabei bleibt die Autorin jedoch leider ein wenig zu sehr der Ursachenforschung verhaftet, ihr Ausblick auf alternative Verhaltensweisen verharrt im Entwurfsstadium. Dem Untertitel des Buches wird es nicht gerecht. Immerhin aber gibt das Buch einen guten Einstieg, um sich mit der Materie "Kränkungen" zu befassen und sie besser zu verstehen. Wer sich auf psychologischer Basis mit seiner eigenen Familiengeschichte bereits intensiv auseinander gesetzt hat, wird jedoch nicht viel Neues erfahren.

Mein Urteil: Informativ, aber kein allzu guter Ratgeber.

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