Freitag, 30. September 2011

[Rezension] "Das Buch der verlorenen Dinge" - John Connolly

Was zunächst als hübsch gestaltetes und märchenhaft anmutendes Jugendbuch daher kommt, hat es in diesem Fall ganz schön in sich. In seinem Roman "Das Buch der verlorenen Dinge" schafft John Connolly eine grausam-mystische Phantasiewelt. Hier trifft Realität auf Märchen, Märchen wird zum Spiegel nicht zu ertragender Realität.




Im Zentrum des Geschehens steht der zwölfjährige David. Erst vor Kurzem hat er durch eine schwere Krankheit seine Mutter verloren, - und diesen Verlust hat er noch ganz und gar nicht verarbeitet -, da geht sein Vater auch schon eine Beziehung zu einer anderen Frau ein. Kurz darauf bringt diese ein Kind zur Welt, Davids Halbbruder Georgie. Hinzu kommt der Schrecken des Zweiten Weltkrieges, der auch vor den Mauern des abgeschiedenen Familiensitzes nicht Halt macht. David ist überfordert, fühlt sich allein gelassen und zu allem Überfluss durch das "neue" Kind "ersetzt". Verzweifelt und einsam flüchtet er sich in seine Bücher.

Eines Tages gelangt er durch ein Loch in der Mauer in ein Märchenreich, als er vor einem abstürzenden Flieger Deckung sucht. Der Rückweg wird ihm versperrt und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich in dieser von phantastischen Schreckgestalten bevölkerten anderen Welt zurecht zu finden.
Wer nun ein unterhaltsam-buntes Märchenabenteuer erwartet, wird überrascht sein. Viele Elemente sind zwar aus uns bekannten (Grimm'schen) Märchen entlehnt, diese Wesen aber sind auf grausame Art realer, als man es aus den schwarz-weißen Gut-Böse-Erzählungen gewohnt ist.

David macht sich auf die Suche nach dem "Buch der verlorenen Dinge", in welchem der Weg zurück nach Hause beschrieben sein soll, und irgendwie auch auf die Suche nach sich selbst. Begleitet wird er unbemerkt von einer zwielichtigen Gestalt, die ihm an den Kragen will und allerhand Fäden in den verkrümmten Händen hält. Schließlich muss sich David entscheiden. Gibt er den Namen seines ungeliebten Halbbruders preis, um sich vor dem "Krummen Mann" zu schützen und als einziges Kind in die reale Welt zurück zu kehren?

Als jugendlicher Märchenheld durchschreitet David verschiedene Stadien des Erwachsenwerdens. Diverse Helfer stehen ihm zur Seite, er begegnet sprechenden Tieren und Zauberei. Dennoch mischen sich diese Elemente wieder und wieder mit blutrünstiger Kriegsmetaphorik, vermenschlicht Connolly die Märchengestalten und gibt ihnen so ein weit bedrohlicheres Gesicht.
Aber auch mit Humor arbeitet der Autor. Unvergessen das Zwergenkapitel, in dem David versehentlich gegen einen der berühmten Sieben stolpert, welcher darüber so gar nicht begeistert ist. Alarmiert ruft der Zwerg seine Zwergen-Genossen zur Hilfe, welche sich dem Klassenkampf verschrieben haben und heimlich seit Jahren gegen das mittlerweile verfettete Schneewittchen aufbegehren.

Mein Urteil: Dieses Buch hat mich mehr als positiv überrascht, bewegt und grandios unterhalten. Ich kann es nur ausdrücklich empfehlen!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen