Donnerstag, 9. Juni 2011

Mainzer Minipressen-Messe - Eine Nachlese

TAG EINS, Donnerstag 2. Juni 2011
Es ist 16h. Ich betrete zum ersten Mal das Zelt der Mainzer Minipressen-Messe. Ich bin hoch motiviert. Mit flockigem Schritt und fröhlich summend latsche ich siegessicher am Stand meines Verlegers vorbei und auf der anderen Seite des Zeltes wieder heraus. Hier gibt es Bratwurst. Auch ne Möglichkeit.
Ein erster Kontakt mit den netten Mädels an der Info hilft mir bei der Vertiefung meiner Ortskenntnisse. Verleger Friedo sitzt entspannt am Stand und liest eines seiner selbst verlegten Bücher. Ich vermute, er kennt den Inhalt bereits.
Wir stellen fest: Wir freuen uns, uns zu sehen, um 17h habe ich im Lesezelt zu lesen und die Pazifisten vom Stand nebenan verfügen über eine farbenreichere Dekoration. Dafür haben wir mehr Bücher als die. Also alles im grünen Bereich.


Die Lesung ist gut besucht, ich lese mich richtig in Rage. Richard Loning kommt an bei den Mädels und zwei Drittel der Anwesenden schlagen direkt zu. Ein guter Verkaufsschnitt, wie ich finde.
Gegen 19.30h machen wir uns vom Acker und stürzen uns ins Mainzer Minipressen-Slam-Getümmel. Ich bin nicht als Vortragende eingetragen, aber ich muss nicht viel mehr tun als mit den Wimpern zu klimpern und stumm zu lächeln, schon tritt ein älterer Herr von seiner Anmeldung zurück mit den Worten: „Lassen wir doch mal die Jugend ran!“ Cool! (Die Masche probier ich jetzt öfter.) Ich bin im Kader und erlebe meine Poetry-Slam-Feuertaufe. Die Bewertung finde ich okay. Boah, ich war lange nicht mehr so nervös vor Publikum. Aber ich hab’s gemacht. Der Wettbewerb gefällt mir gut, es gibt einige wirklich gute Beiträge.
Anschließend fährt die Jugend ein bisschen stolz, müde und zufrieden in ihr Quartier. Ein Gläschen Sekt mit meiner lieben Freundin Niomé rundet den Tag ab. So langsam weicht der Übermut der letzten Stunden einer gesunden Müdigkeit.



Erkenntnis des Tages: Nicht zuviel denken, einfach machen!

TAG ZWEI, Freitag 3. Juni 2011
10h Ortszeit. Der zweite Messetag beginnt. Wir sind nach wie vor gewillt, die Bude hier richtig zu rocken. Leider zeichnet sich schon nach kurzer Zeit ab, dass der Freitag wohl nicht gerade zu den verkaufsstarken und ereignisreichen Messetagen zählt. Das gibt uns die Gelegenheit, uns ein wenig in unserer Nische umzusehen.
Die Pazifisten sind heut klar in der Überzahl und überwiegend friedlich gestimmt. Bereits um zwölf killen sie die erste Flasche Wein. Angesichts des subtropischen Klimas im Zelt ziehe ich vor ihnen heimlich meinen Hut. Ihre Unterhaltung wird zunehmend lebendiger. Das macht Freude. Um die Welt ein bisschen besser zu machen, braucht es schließlich Elan.
Uns gegenüber sitzt ein junger Mann hinter einer Brigade von Tassen, die – seiner Werbung zufolge - wahlweise als Vase oder Trinkgefäß zu gebrauchen sind. Unwillkürlich muss ich an „Dinner for One“ denken.
Neben dem Tassenmann hockt ein schlaksiger Geselle mit Glubschaugen, der bunte Kunstdrucke und Klappkarten zum Kauf anbietet. Ein russisches Pärchen schräg rechts hinter einem Haufen künstlerisch gestalteter Buchrücken küre ich im Geiste zu den mit Abstand bestgekleidetsten Leuten im Zelt.
Während ich noch darüber nachsinne, meinen Horizont durch den Genuss eines weiteren Leckerbissens vom Öko-Verkaufsstand zu erweitern, springt Friedo auf. „Das ist mir alles zu langweilig!“, sagt er bestimmt und beginnt, mit allen mitgebrachten Exemplaren der „Heartliners“ einen mannshohen Turm zu bauen. Voller Missbilligung wird er vom Russentisch dabei beobachtet.
Friedo lässt sich in seinem Tatendrang nicht bremsen. Mehr und mehr verschwinden wir hinter den meterdicken Mauern des Prachtbaus. Schließlich stopft er noch ein paar Richard-Fotos sowie ein zerknirschtes Frettchen in die Ritzen seines Kunstwerkes, dann zieht er sich zur Beobachtung zurück. Gespannt wartet er auf positive Reaktionen unserer potentiellen Käuferschaft.
Der entgeisterte Blick einer sich nähernden Passantin schwebt im Bogen heran und schlägt mit voller Wucht ein. Ich meine Rauchschwaden im oberen Viertel des Turmbaus zu entdecken. War wohl doch nicht der Effekt, den Friedo erhofft hatte. Zudem ist die Hitze mittlerweile drückend und kaum ein Lüftchen verirrt sich in unsere Breiten.
Nach einer weiteren Umdekorierungsaktion und dem ein oder anderen anregenden Gespräch mit Messebesuchern schließen wir nach neuneinhalb Stunden unseren Stand und suchen uns ein nettes Plätzchen in einer Sportkneipe. Deutschland spielt heut gegen Österreich.
Auch Niomé stößt zu uns, sie wird am morgigen Tag unser Standteam verstärken, da Friedo anderweitig terminiert ist. Vorerst aber genießen wir den lauen Mainzer Kneipenabend. Wir sind schließlich jung und unsere Energievorräte sind schier unerschöpflich...

Erkenntnis des Tages: Langmut schont die Ressourcen.



TAG DREI, Samstag 4. Juni 2011
Plötzlich ist die Nacht vorbei. Es ist viel zu hell, viel zu früh und überhaupt. Schläfrig kratze ich die Reste meines Bewusstseins zusammen und mache mich mit Niomé auf den Weg. Es ist Samstag und wir erhoffen auch heute wieder einen regen Austausch mit Gleichgesinnten und Besuchern.
Tatsächlich werden wir nicht enttäuscht. Zum ersten Mal nehme ich mir die Zeit, auch selbst einen Rundgang über die Messe zu wagen. Sogleich quatsche ich mich mit einer Kollegin aus dem Westfalenland fest, der Autorin Evelyn Barenbrügge. Sie präsentiert hier ihren historischen Roman „Leeres Versprechen“.
Ein paar Stände weiter treffe ich einen jungen Verlag aus Wien. Ehe ich es mich versehe, werde ich umringt von österreichischer Humoreske. Man bietet mir Buttons an mit den Aufschriften „lesen tut weh“ und „grabschen geht auch“, so ich denn eines der Bücher kaufe. Ich kann nicht anders und zücke meine Geldbörse. Mal im Ernst, ein Buch mit dem Titel „So wie du kann jeder aussehen“ muss doch einfach gekauft werden. Eine echte Entdeckung!
Zurück am Stand bietet mir der Chefpazifist von nebenan was Süßes an: „Hier haste Schokolade. Aber Vorsicht, das gibt Finger!“ Jovial lächelnd leckt er sich die seinen ab und greift nach den „Heartliners“ („Man muss doch mal schauen, was die Nachbarn so anbieten.“). Nach Lektüre der Inhaltsangabe legt er das Buch irritiert wieder beiseite. Nicht die Zielgruppe. Hätte ich ihm gleich sagen können. Hinter den Theater- und Filmkulissen herrscht schließlich Krieg. Nichts desto trotz werden wir nur wenig später ein Exemplar an einen seiner Kollegen los. Wer hätte des gedacht. Ist übrigens bei Weitem nicht das einzige, welches wir heute unter das Volk schmeißen.
Der Abend bringt mich in gräflicher Begleitung und mit der weißen Kutsche fernab des Messetreibens nach Bischofsheim zur Jubiläumsshow der Gruppe „Sound of Musicals“. Großartig! Lange hatte ich nicht mehr so eine Gänsehaut im Theater wie bei der Arie „Bui Doi“ aus „Miss Saigon“, gesungen von Rainer Maaß. Wow! Die Hitze und der Sekt im Foyer tun das ihre dazu, mich noch weiter fort zu tragen. Ein durch und durch gelungener Tag!

Erkenntnis des Tages: Die Schönheit liegt im Detail.



TAG VIER, Sonntag 5. Juni 2011
Der letzte Messetag. Gewitterregen. Ich liebe Gewitterregen! Zeit für ein Resümee.
Was habe ich erwartet? Was habe ich erlebt? Was könnte ich mir vorstellen?
Erwartet habe ich tatsächlich gar nicht so viel. Schließlich war das die erste Mainzer Minipressen-Messe meines Lebens. Ein wenig Networking, schöne Begegnungen und kreativen Austausch. All diese Wünsche sind zweifelsohne erfüllt worden. Zudem bin ich ab und zu ein klein wenig über meinen Schatten gesprungen, habe über manches gestaunt und viel gelacht.
Ein wenig schade finde ich, wie wenig junge Leute sich in die Messezelte verirrt haben. Gerade eine Messe für Kleinverlage birgt doch wahre Perlen, die man sonst nicht mal eben so in den Großbuchhandlungen finden kann. Vielleicht ist es eine gute Anregung für das nächste Mal, auch diese Zielgruppe noch mehr ins Boot zu holen. Auf jeden Fall lohnt es sich, diese Veranstaltung im Auge zu behalten. Mir hat’s gefallen in Mainz!
Während ich mich kurz vor Messeschluss im Tröpfelregen unter einem kleinen Vordach wieder finde und in flottem Gespräch über Gott, Kunst und die Welt sinniere, denke ich bei mir, manchmal ist es gut nicht zuviel zu erwarten, so kann einen das Leben noch überraschen.

Erkenntnis des Tages: Es braucht nicht viel, um das Wesentliche zu erkennen.


Kommentare:

  1. Antworten
    1. Hat mir gut gefallen derBericht und auf die naechste Messe neugierig gemacht, auch wenn ich diesen Text mit einem ebookreader geschrieben habe, liebe ich gedruckte Buecher.Maja

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