Dienstag, 7. Juni 2011

[Rezension] "3096 Tage" - Natascha Kampusch

Die Geschichte der Natascha Kampusch ist hinlänglich bekannt. Entführung. Kellerverlies. 3096 Tage. Selbstbefreiung. Entführer tot. Die Medien haben bis ins letzte Detail spekuliert, jede Silbe seziert, gedeutet, überwacht und dokumentiert. In Internetforen äußern freie Bürger hämisch ihre freie Meinung (- ohne Witz, einfach mal ein wenig googlen! -), denn: Ganz klar, wir wissen doch alle, wie sich ein Opfer zu verhalten hat! So jedenfalls nicht. Gefälligst! Oder Verschwörungstheorien: Das Schreckliche, das uns so anmacht, uns Gänsehaut verspricht, ist noch nicht schrecklich genug. Oder oder oder: Die hätte sich doch sicher eher befreien können. Sowas! Jedenfalls: Wer braucht bitte dieses Buch!? Und zack!: Was (sich) nicht (an)passt, wird passend gemacht! Schublade zu. Geht uns schließlich nichts an.



Dieses Buch zu lesen ist mir nicht leicht gefallen. Und doch denke ich, dass es dringend solche Texte braucht! Texte von Menschen nämlich, die tatsächlich etwas zu sagen haben, weil sie sich unangenehmen Wahrheiten stellen wollen. Texte von Menschen, die uns vor Augen führen können, dass einem Wollen nicht unbedingt ein Sein folgen muss, sprich dass ein Zurechtbiegen unserer Umgebung in die gewünschten Selbstbildbahnen oft nicht viel mehr heilt als ein Pflaster nach einem Kettensägenmassaker. Und doch halten viele Menschen krampfhaft an ihren Fassaden fest, zupfen mit der Nagelschere noch den letzten Grashalm zurecht,
um den Blick von ihrer eigenen Leere fern zu halten. Oder um es weniger pathetisch mit den Worten der Autorin auszudrücken: "Die Gesellschaft braucht Täter wie Wolfgang Priklopil, um dem Bösen, das in ihr wohnt, ein Gesicht zu geben und es von sich selbst abzuspalten."

Ja, auch ich habe mir damals das allererste Interview der Natascha Kampusch angesehen. Und ja, auch ich erlebte damals ein wahres Wechselbad der Gefühle. Niemand möchte sich vorstellen, was in dem Mädchen in all den Jahren vorgegangen sein muss. Und doch geht eine Faszination von solchen Geschichten aus. Was für ein Mensch muss das sein, der zu solcher Grausamkeit fähig ist? Wie kann ein Kind das überleben? Und wird jetzt, da das Matyrium ein Ende hat, ein "normales" Leben für das Opfer überhaupt jemals möglich sein?

Von Anfang an imponiert mir die Kampusch in ihrer Authentizität, mit der sie uns begegnet. Eine Mischung aus Verletzlichkeit, ja, aber auch Klarheit wie ich sie nicht erwartet hätte. Ihre Wunden sind deutlich zu spüren, gleichwohl ist sie keine Gebrochene, ganz im Gegenteil. Diese Frau hat einen wachen Verstand und verfügt über ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen. Letztlich hat ihr das das Leben gerettet.

Das Interview markiert die erste Station im Leben der Natascha Kampusch, in der sie sich ihre eigene Geschichte Stück für Stück zurück erobert. Das Buch ist eine weitere. Es ist ihre Antwort auf die Mechanismen einer Maschinerie, die leider nur allzu oft den Respekt vor dem einzelnen Menschen vermissen lässt und die uns die nötige Distanz verschafft, da wir sie doch so sehr zum Überleben in unserem Alltagstrott brauchen. Alles das manifestiert sich für Natascha Kampusch in einem Begriff: "Stockholm-Syndrom".
"Nichts ist nur schwarz und nur weiß", schreibt sie. "Und niemand ist nur gut und nur böse. Das gilt auch für Entführer. Das sind Sätze, die man von einem Entführungsopfer nicht gerne hört." Und sie hat Recht. Mit beidem.

So stark auch das Bedürfnis der Außenwelt sein mag, dem Unfassbaren einen Namen geben zu wollen, um es doch irgendwie in die Finger zu bekommen, so unpassend muss es einem scheinen, macht man sich die Ambivalenz der Situation bewusst. Mehr als acht Jahre Angst, Schmerz, Hunger und Abhängigkeit liegen hinter Natascha Kampusch nach ihrer Befreiung. Ein Grund zur Erleichterung. Gleichzeitig verliert sie durch Suizid die einzige Bezugsperson, die sie während der vergangenen acht Jahre, also während ihrer gesamten Jugend, begleitet hat: Wolfgang Priklopil. Das hinterlässt auch Leere. Und Trauer. Wer hat das Recht, ihr diese Empfindungen abzusprechen?
Wieder bringt Natascha Kampusch es auf den Punkt: Eine solche Kategorisierung "macht das Opfer ein zweites Mal zum Opfer, indem [es] ihm die Interpretationshoheit über die eigene Geschichte nimmt."

"3096 Tage" verrät viel, aber nicht alles. Und das ist auch gut so. Natascha Kampusch weiß, dass sie eine Stimme hat. Aber sie weiß auch, wo sie ihre Grenzen ziehen möchte. Vor wenigen Tagen ist die Autorin im Wiener Rathaus mit dem Buchliebling-Preis 2011 für ihre Autobiografie ausgezeichnet worden.

Mein Urteil: Mutig, beeindruckend und auf den Punkt. Lohnt sich!

Ein Hinweis: Nichts für schwache Nerven. Trigger-Gefahr bei Opfern körperlicher und/oder seelischer Gewalt.

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