Montag, 15. November 2010

[Rezension] "Die Ritter der Vierzig Inseln" - Sergej Lukianenko

Via Fotoklick eines Fremden wird der vierzehnjährige Dima aus einer sowjetischen Kleinstadt in eine fremde, phantastische Welt katapultiert, einen nahezu paradiesischen Archipel aus Vierzig Inseln. Auf jeder dieser Inseln lebt eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen. Durch Brücken sind die Inseln miteinander verbunden und alle sind sie Teil eines großen Spiels.
Schnell wird Dima jedoch klar, dass diese Welt alles andere als ein Paradies ist, denn tatsächlich kämpft ein jeder hier ums nackte Überleben.  Dima findet sich inmitten der brutalen Auswirkungen eines menschenverachtenden Regelwerkes wieder, denn nur dem, so sagt man, sei die Rückkehr nach Hause gestattet, der es schaffe, alle vierzig Inseln zu erobern.
Doch wer hat diese Regeln aufgestellt? Zu welchem Zweck? Und ist der brutale Kampf mit den Gegnern wirklich der einzige Ausweg aus dieser Situation?




Die Grundidee ist nicht neu. Bereits 1954 veröffentlichte William Golding seinen Roman "Herr der Fliegen", welcher rasch zum Kultbuch avancierte. Durch ein Unglück verschlägt es eine Gruppe Kinder und Jugendliche auf eine einsame Insel. Fortan sind diese auf sich allein gestellt und entwickeln ohne Anleitung Erwachsener ihre eigene Rang- und Hackordnung. Wie man sich denken kann, währt der anerzogene Friede nicht lang und mündet in einen gewalttätigen Konflikt. "Herr der Fliegen" ist eine vielschichtige und kluge Parabel über die angeborene Gewaltbereitschaft des Menschen.

Lunkianenko entschärft diese Ausgangssituation. Nicht die inneren menschlichen Züge sind es, die die Kinder nach und nach zu brutalen Kampfmaschinen werden lassen und ihre wahre Natur enthüllen, sondern ein von außen aufoktroyierter Zwang, der ihnen scheinbar gar keine andere Möglichkeit lässt. Aber gerade diese Umkehrung ist der Reiz dieses Buches. Wie bei Golding wird die Notwendigkeit moralischer Wertvorstellungen und menschlicher Courage rasch offenbar.

Es mischt sich jedoch auch noch ein weiterer Aspekt in das Geschehen: die Selbstverständlichkeit, mit der wir bereit sind, uns fremden Regeln zu unterwerfen, die Verantwortung für unser Handeln abzugeben, sobald wir uns außerhalb gewohnter Strukturen bewegen und in fremden Machtmechanismen ohne Reflexion derselben gefangen sind.
Bereits 1992 hat der russische Schriftsteller Lukianenko "Die Ritter der Vierzig Inseln" verfasst.Von Anfang an erinnerte mich die Umgebung, in die es Dima verschlagen hat, an Vorstellungen einer virtuellen 3D-Realität à la Holodeck vermengt mit der Brisanz innenpolitischen Kofliktpotentials eines Vielvölkerstaates.

Sprachlich bewegt sich der Roman auf einer auch für junge Menschen gut verständlichen Ebene. Der Leser folgt der Hauptfigur Dima aus dessen Sicht durch sämtliche Irrungen und Wirrungen. Mit Dima gemeinsam erleben wir die Angst, Sorge und Fassungslosigkeit, mit der er zunächst diese neue Welt betrachtet, schließlich aber auch den Mut und den positiven Kampfgeist, mit dem er sich dem scheinbar Unausweichlichen entgegen stellt.Die Message lautet: Verliere nie den Glauben an einen Ausweg und deine moralischen Werte.
Dennoch gelingt es Dima am Ende nur zum Teil, sich den Mechanismen zu entziehen, zu denen uns ein Krieg nötigt, selbst wenn wir ihn selber nie gewollt haben. Aber auch das ist wohl nur allzu menschlich.

Mein Urteil: Durchaus empfehlenswert!

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